
Von der Schülerin zur Vertrauenslehrerin
Die heute 43-jährige Kimhuch wuchs, wie so viele Mädchen im weitgehend ländlich geprägten Kambodscha, mit sehr traditionellen Rollenbildern auf. In der Provinz Stung Treng wird Mädchen von klein auf beigebracht, besser nicht ihre eigene Meinung zu äußern. Ihre Aufgaben beschränken sich klassisch auf den Haushalt und auf die Unterstützung der Mütter bei der Pflege von Angehörigen und der Kinderbetreuung. Was dabei meist als erstes vernachlässigt wird, ist die Schule. So auch in der Familie von Kimhuch.
Ihre Eltern legten keinen Wert auf die Bildung des Mädchens und unterstützten sie deshalb auch nicht während ihrer Schulzeit. Als Kimhuch den Hauptschulabschluss nicht schaffte, wurde sie gezwungen, die Schule abzubrechen. Stattdessen sollte sie heiraten und damit ihre von der Gesellschaft erwartete Rolle als Ehefrau und Mutter antreten. Das nagte auch an der Psyche des Mädchens. Sie hatte kaum Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen und wusste auch nicht, an wen sie sich mit ihren Problemen wenden konnte.
Doch eines wusste Kimhuch ganz genau: Sie wollte sich ihr Leben nicht vorschreiben lassen. Also weigerte sie sich, zu heiraten und fing stattdessen an zu arbeiten. Das Geld, das sie sich damit verdiente, nutzte das ehrgeizige Mädchen, um ihre Schulbildung nachzuholen. Dieser Fleiß machte sich bezahlt. 2016 wurde sie nach ihrem erfolgreichen Abschluss zum Studium am Lehrausbildungszentrum von Stung Treng zugelassen und zwei Jahre später trat sie eine Stelle als Gymnasiallehrerin für Geografie und Geschichte an.



Psychische Gesundheit gemeinsam stärken
Heute ist die 43-Jährige mehr als nur eine Lehrerin für die Mädchen und Jungen an ihrer Schule. Sie ist vor allem eine Vertrauensperson, die jederzeit ein offenes Ohr für ihre Schüler:innen hat und sich ihrer Sorgen und Ängste annimmt. „Die Kinder brauchen jemanden, zu dem sie Vertrauen haben“, erklärt die Pädagogin. „Sie brauchen eine Bezugsperson, um Probleme ansprechen und gemeinsam Lösungen finden zu können. Deshalb kommen sie zu mir.“
Seit etwa einem Jahr ist Kimhuch nun Vertrauenslehrerin und bietet Kindern und Jugendlichen Beratungsgespräche an. Die nötigen Fähigkeiten und das Wissen, um den Mädchen und Jungen Hilfe bei emotionalen, psychologischen oder anderen Problemen geben zu können, musste sie sich erst aneignen. Die Möglichkeit dazu bot ihr ein Projekt, an dem auch Plan International beteiligt war.
Gemeinsam mit der Transkulturellen Psychosozialen Organisation (TPO) – Kambodschas führender Hilfsorganisation für mentale und psychosoziale Gesundheit – startete Plan vor ein paar Jahren die Initiative „Promoting Protection Plus“ an Kimhuchs Schule. Das Projekt zielt darauf ab, Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren sowie Heranwachsenden zwischen 18 und 24 Jahren geschlechts- und altersgerechte Hilfe zur Seite zu stellen. So sollen insbesondere Überlebende von Gewalt, Missbrauch, Ausbeutung und Vernachlässigung die Unterstützung bekommen, die sie brauchen.
„Ich wollte den Kindern an meiner Schule helfen, wusste aber nicht wie.“
Anzeichen mentaler Probleme frühzeitig erkennen
Im Rahmen des Projekts finden Schulungen für Eltern und Betreuungspersonen statt. Darin lernen die Teilnehmer:innen, wie sie frühzeitig Anzeichen von Stress, Angst und Depression sowie soziale Probleme oder Probleme zwischen Gleichaltrigen erkennen können. Auch allgemeine Kurse zu psychischer Gesundheit und grundlegenden Beratungskompetenzen für ausgewählte Lehrkräfte sind Teil der Projektstrategie.
Als Kimhuch von den Schulungen erfuhr, war sie sofort Feuer und Flamme. Sie brachte sich aktiv in die Kurse ein und teilte ihre Erfahrungen mit der Gruppe. „Schon während des Unterrichts habe ich immer wieder bemerkt, dass viele Kinder in meinen Klassen psychische Probleme hatten“, erzählt Kimhuch. „Ich wollte ihnen helfen, aber ich wusste nicht wie.“
Zunächst riet sie den Mädchen und Jungen, sich auf das Lernen zu konzentrieren und nicht zu viel über andere Dinge nachzudenken. Doch dieser Ansatz führte nicht die erhofften Verbesserungen herbei. Damit gab sich die Lehrerin nicht zufrieden. Sie suchte in Lehr- und Sachbüchern nach Lösungen, kam aber auch darüber nicht wirklich weiter. Erst die Schulungen von Plan International und der TPO haben ihr das nötige Handwerkszeug mitgegeben, um den Schüler:innen effektiv zu helfen. Daraufhin hat die Schulleitung Kimhuch offiziell als Vertrauenslehrerin für die gesamte Schule ausgewählt.


Breites Netzwerk an Bezugspersonen aufbauen
„Es macht mich sehr glücklich, in meinen Gesprächen den Kindern nun endlich wirksam helfen zu können“, sagt Kimhuch mit einem Lächeln. „Die Schulungen haben neben meinem Wissen und meinen Beratungsfähigkeiten vor allem auch mein Selbstvertrauen gestärkt.“ Somit kann die Lehrerin nicht nur die psychischen Probleme ihrer Schüler:innen besser erkennen, sondern tritt auch in den Gesprächen viel selbstsicherer auf.
Wenn sie beispielsweise bemerkt, dass in ihrer Klasse jemand schnell abnimmt, unglücklich wirkt oder sich sozial isoliert, dann ist sie handlungsfähig und vereinbart einen Beratungstermin. Merkt sie, dass die Schüler:innen daraufhin eine tiefergehende psychologische Beratung brauchen, verweist sie an externe Fachleute, die sich ebenfalls an der Initiative beteiligen und dann weiterführende Sitzungen mit den Betroffenen durchführen.

Zuhören, auf das Gegenüber eingehen, helfen
Bislang hat Kimhuch fünf Schüler:innen beraten, die mit Problemen wie Drogenkonsum und mangelnder elterlicher Fürsorge zu kämpfen hatten. An die Gespräche tritt die Vertrauenslehrerin mit folgender Strategie heran: „Zunächst lasse ich mir die Situation erklären und höre aufmerksam zu“, erklärt sie. „Dann bitte ich die Jugendlichen, selbst Lösungen vorzuschlagen oder mir zu sagen, was sie tun wollen. Erst danach biete ich ihnen zusätzliche Lösungsansätze an.“
Dass Kimhuchs einfühlsamer Ansatz Früchte trägt, ist deutlich erkennbar. Ihre fünf Gesprächspartner:innen können sich inzwischen viel besser auf ihre schulischen Aufgaben konzentrieren und fühlen sich psychisch gesünder. Außerdem haben die Jugendlichen die Beratungsdienste in ihrem Freundeskreis weiterempfohlen.
„Ich liebe meinen Job! Als psychologische Beraterin kann ich endlich wirkungsvolle Hilfe leisten.“
Den eigenen Weg gehen
Kimhuchs Entschlossenheit, ihren eigenen Weg zu gehen, und ihre Einsatzbereitschaft für junge Menschen haben die 43-Jährige in den Augen ihrer Schüler:innen zu einer echten Heldin gemacht. Ihr Weg von der Überwindung eigener Unsicherheiten und geschlechtsbasierter Diskriminierung hin zu einer Vertrauensperson für so viele kambodschanische Mädchen und Jungen ist ein Paradebeispiel dafür, welche Wirkkraft in sozialem Engagement steckt.
Durch ihre Beratungstätigkeit hat Kimhuch nun den Lebensweg gefunden, den sie sich von Kind auf schon erträumt hat. Entsprechend stolz ist sie auf ihre Arbeit und die Erfolge, die sie damit bisher erzielt hat. „Ich liebe meinen Job als Beraterin, weil ich damit wirkungsvolle Hilfe leisten kann“, fasst die Lehrerin zusammen. Am Ziel ist sie allerdings noch lange nicht. Sie will sich weiter fortbilden und ihre Fähigkeiten kontinuierlich verbessern, um in Zukunft den Kindern an ihrer Schule noch besser helfen zu können.
