
Lebenszeichen aus einem vergessenen Land
Hinweis: Der nachfolgende Artikel beschreibt Formen extremer Gewalt und Armut
Es ist einer der schwerwiegendsten Verstöße gegen das Völkerrecht und die UN-Kinderrechtskonvention: die Rekrutierung von Minderjährigen für den bewaffneten Kampf. Sie wird in Haiti von kriminellen Gruppen vor allem im Großraum der Hauptstadt Port-au-Prince erzwungen und betrifft Mädchen und Jungen schon ab zehn Jahren. Doch einige der Kinder berichten, dass sie sich sogar freiwillig den bewaffneten Gruppen anschließen würden – nur, um etwas Geld oder Nahrungsmittel zu bekommen.

„Einer meiner Freunde wurde von einer Kugel getroffen.“

Für den 16-jährigen Junior* ist die Rückkehr in die Hauptstadt und damit in die Arme organisierter krimineller Gruppen keine Option. Früher führte er dort ein ruhiges Leben, ging zur Schule und hatte mit seinen Eltern regelmäßige Mahlzeiten. Doch sein Leben änderte sich dramatisch, als bewaffnete Gruppen ihn und seine Familie zwangen, ihr Zuhause zu verlassen. Junior erinnert sich noch genau an den Herbst 2024: „Einer meiner Klassenkameraden, ein Freund von mir, wurde direkt vor meinen Augen von einer Kugel getroffen. Sie brachten ihn ins Krankenhaus, aber er hat es nicht geschafft. Er starb.“
* Name zum Persönlichkeitsschutz geändert


Wenn im Alltag nichts mehr ist, wie es einst war
Nach diesem Überfall wurde Juniors Schule geschlossen. Erst rückte die Polizei an, dann sogar das Militär. „Doch der Anführer der bewaffneten Gruppe sagte, dass die Armee nicht für immer bleiben würde. Am 15. Oktober verließ sie tatsächlich unser Viertel und am 16. Oktober griffen die kriminellen Gruppen wieder an“, erzählt Junior. „Viele Menschen starben. Kugeln trafen die Wände unseres Hauses, wir konnten fliehen und verbrachten einen Monat auf der Straße.“
„Kugeln trafen die Wände unseres Hauses, wir konnten fliehen und verbrachten einen Monat auf der Straße.“
Rund 550.000 Mädchen und Jungen sind innerhalb Haitis auf der Flucht. Als Binnenvertriebene, sogenannte internally displaced persons (IDPs), stammt ein Großteil von ihnen aus Port-au-Prince. Die Metropole gilt als Epizentrum extremer Gewalt rivalisierender bewaffneter Gruppen, die große Teile der Stadt kontrollieren – mit verheerenden Auswirkungen: Allein 2024 wurden dort 5.600 Menschen getötet, ein Anstieg von 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr.


Als einen der größten Verluste empfinde Junior, dass er nicht mehr zur Schule gehen kann. In der Notunterkunft habe er außer seinen Freunden und ihrem Fußballspiel zurzeit nichts, das ihm Ablenkung verschaffen könnte. Derzeit gibt es 117 Lager für Binnenvertriebene in Haiti, und 95 Prozent der Menschen dort sind vor bewaffneten Gruppen geflohen. Viele dieser Unterkünfte – darunter Schulen, Kirchen und verlassene Gebäude – verfügen weder über ausreichende sanitäre Einrichtungen noch über Sicherheitsmaßnahmen, wodurch insbesondere Frauen und Mädchen gefährdet sind.


„Ich mag nicht, wo ich lebe, ich fühle mich hier überhaupt nicht wohl“, beschreibt Caroline* (15), die lieber zur Schule gehen und Krankenschwester werden möchte, ihre derzeitige Situation. „Zu Hause hatte ich eine Dusche, aber jetzt wasche ich mich auf der Straße. Das Wasser muss ich mir selbst im Eimer holen. Ich habe keine Seife, also laufe ich immer in schmutzigen Sachen herum.“
In Haiti geraten ganze Familien zwischen die Fronten
Ähnlich ergeht es dem 14-jährigen Steeve*. Der Junge ist ebenfalls aus der Hauptstadt Port-au-Prince vor der Gewalt krimineller Gruppen geflohen und lebt in einem Lager für vertriebene Menschen. Wie Junior sucht Steeve Ablenkung beim Fußballspiel. Doch sobald ein Match vorbei ist, kreisen seine Gedanken wieder um die Herausforderungen seines Alltags.
* Name zum Persönlichkeitsschutz geändert
„Zu Hause hatte ich eine Dusche, aber jetzt wasche ich mich auf der Straße.“
„Ich bin stolz darauf, dass meine Eltern nicht in zwielichtige Dinge verwickelt sind“, sagt Steeve im Hinblick auf die organisierten kriminellen Gruppen, denen sich in den vergangenen Monaten aus Not immer mehr Menschen angeschlossen haben, auch Kinder.
Doch für den 14-Jährigen kommt das nicht infrage. Vielmehr träumt er davon, wieder ohne Probleme lernen zu können und berichtet: „Eigentlich sollte ich in der Schule schon viel weiter sein. Aber stattdessen wacht man morgens auf, und es gibt plötzlich irgendwo eine Demonstration. An einem Tag kann man zur Schule gehen, am nächsten Tag nicht.“

„Eigentlich sollte ich in der Schule viel weiter sein.“


Aufgrund der anhaltenden Angriffe und Gewalt mussten vielerorts auch die Lehrkräfte fliehen. Seit Januar 2024 wurden über 900 Schulen in Haiti geschlossen und das örtliche Bildungssystem steht vor dem Kollaps. Doch mit dem Verlust eines geregelten Unterrichts verlieren die Kinder mehr als ein Stück Normalität. Sie verlieren ihr Recht auf Bildung, Spiel und sichere Räume. Stattdessen bestimmen Angst und Unsicherheit ihren Alltag.
„Die Kinder Haitis stehen vor einer unvorstellbaren Krise“, sagt Prospery Raymond, Länderdirektor von Plan International Haiti. „Die meisten von ihnen haben keinen Zugang mehr zu Bildung, sicheren Orten und grundlegenden Schutzmaßnahmen. Ohne sofortige Hilfe droht eine ganze Generation, durch Gewalt verloren zu gehen.“

Eskalierende Gewalt heizt den Kreislauf der Armut an
Die Lage hat sich 2024 aufgrund eskalierender Gewalt, massiver Vertreibung und schwerwiegender Ernährungsunsicherheit dramatisch verschlechtert. Mehr als eine Million Menschen wurden aus ihren Häusern vertrieben, etwa 75 Prozent von ihnen haben Schutz in Notunterkünften außerhalb der Hauptstadt gesucht. Doch in den Sammelunterkünften herrschen durch Überbelegung oft katastrophale Lebensumstände und Hygienebedingungen.
„Es gibt hier einen Waschbereich für alle, aber einige Männer waschen sich dort nackt.“
Die beengten Verhältnisse gefährden nicht nur die körperliche Gesundheit, sondern erhöhen auch die Gefahren von Missbrauch, insbesondere bei Mädchen. „Es gibt hier einen Waschbereich für alle, aber einige Männer waschen sich dort komplett nackt und rufen ständig anzügliche Sache“, erzählt Isabelle* (15) über ihren Alltag in der Notunterkunft. „Die Toiletten sind oft verschmutzt, man kann dann nicht einmal hineingehen. Das bringt mich zum Weinen, weil ich zu Hause jederzeit auf die Toilette gehen und mich waschen konnte.“
* Name zum Persönlichkeitsschutz geändert


Geschlechtsspezifische Gewalt ist in Haiti allgegenwärtig, insbesondere junge Mädchen sind davon betroffen. Allein 2024 wurden mehr als 6.400 Fälle gemeldet, darunter weit verbreitete sexualisierte Gewalt. Sie wird zum Teil systematisch als Druck- und Zwangsmittel gegen die Bevölkerung eingesetzt. Dies verschärft die hohe Rate an frühen und ungewollten Schwangerschaften. Damit droht sich der Kreislauf aus Armut und Instabilität in dem Karibikstaat weiter zu verfestigen.
Neben der Flucht vor den marodierenden Gruppen musste Isabelle auch erleben, wie ihr Vater erkrankte – und schließlich starb. War die Familie vorübergehend bei Verwandten untergekommen, zwang sie die zunehmende Gewalt erneut zur Flucht. Im Lager für Vertriebene sorgt Isabelles Mutter nun allein für die Familie. Und trotz der traumatischen Erlebnisse hat die 15-jährige Isabelle die Hoffnung auf die Rückkehr zu einem würdevollen Leben nicht aufgegeben.


Wie Kinder in Haiti von humanitärer Hilfe profitieren können
Plan International reagiert auf die Krise mit Maßnahmen zum Schutz von Kindern, zur Bildungssicherung und Prävention geschlechtsspezifischer Gewalt. Die Kinderrechtsorganisation hat Schutzräume für vertriebene Mädchen und Jungen eingerichtet, in denen ihnen psychosoziale Unterstützung sowie Bildungsprojekte angeboten werden.
Die 13-jährige Sandra* ist eines der geflohenen Kinder, das von den Maßnahmen profitiert. Sie hat unter anderem ein Paket mit Hygieneartikeln von Plan International erhalten und trifft sich mit ihren Freundinnen in einem der geschützten, kinderfreundlichen Räume. Dieser ist für sie zu einer wichtigen Anlaufstelle geworden, denn in ihrer Familie selbst ist sie ansonsten auf sich allein gestellt: „Mein Vater zeigt mir keine Zuneigung. Er bezahlt zwar meine Schulgebühr und gibt mir Essen, aber das ist alles. Doch die Liebe, die ich von meinen Eltern bräuchte, bekomme ich nicht. Wenn ich sehe, wie meine Freundin mit ihrer Mutter tanzt, denke ich mir, dass ich so etwas nicht habe. Plan International hat mir dagegen immer geholfen, wenn ich es brauchte. Die Aktivitäten, die sie für uns organisieren, helfen mir sehr. Sie wissen, wie man mit mir spricht, wenn ich Sorgen habe. Dafür bin ich dankbar.“
* Name zum Persönlichkeitsschutz geändert

„Plan International hat mir immer geholfen, wenn ich es brauchte. Sie wissen, wie man mit mir spricht, wenn ich Sorgen habe.“

Um Familien zu helfen, führt Plan International zudem sogenannte Bargeldtransfers durch und übernimmt Schulgebühren, damit Kinder weiterhin lernen können. Angesichts der zunehmenden geschlechtsspezifischen Gewalt verstärkt die Organisation zudem Angebote für medizinische Versorgung und psychologische Hilfe. Zusätzlich unterstützt Plan International Maßnahmen für bessere sanitäre Bedingungen in den Notunterkünften, um dem Ausbruch von Krankheiten vorzubeugen.
„Die Welt darf Haiti nicht den Rücken kehren“, appelliert Prospery Raymond. „Wir müssen jetzt handeln, um Kinder vor Gewalt, Ausbeutung und einer verlorenen Zukunft zu schützen. Wir fordern die internationale Gemeinschaft auf, die dafür notwendigen Mittel bereitzustellen.“
Marc Tornow hat Haiti bereist und den Bericht über die aktuelle humanitäre Lage in dem Karibikstaat mit Material aus dem örtlichen Plan-Büro aufgeschrieben.