Lebenszeichen aus einem vergessenen Land

Foto: Nadia Todres

Während extreme Gewalt um sich greift, berauben Schulschließungen und Zwangsrekrutierung haitianische Kinder ihrer Rechte. Ein Augenschein in der Karibik.

Hinweis: Der nachfolgende Artikel beschreibt Formen extremer Gewalt und Armut

Es ist einer der schwerwiegendsten Verstöße gegen das Völkerrecht und die UN-Kinderrechtskonvention: die Rekrutierung von Minderjährigen für den bewaffneten Kampf. Sie wird in Haiti von kriminellen Gruppen vor allem im Großraum der Hauptstadt Port-au-Prince erzwungen und betrifft Mädchen und Jungen schon ab zehn Jahren. Doch einige der Kinder berichten, dass sie sich sogar freiwillig den bewaffneten Gruppen anschließen würden – nur, um etwas Geld oder Nahrungsmittel zu bekommen.

Eine Siedlung aus Holzhütten
Rund eine Million Menschen wurden in Haiti aus ihren Häusern vertrieben und leben nun in Notunterkünften Nadia Todres

„Einer meiner Freunde wurde von einer Kugel getroffen.“

Junior* (16), Schuljunge aus der Hauptstadt Port-au-Prince
Ein 16-jähriger Junge
Junior* (16) hatte früher ein geregeltes Leben Nadia Todres

Für den 16-jährigen Junior* ist die Rückkehr in die Hauptstadt und damit in die Arme organisierter krimineller Gruppen keine Option. Früher führte er dort ein ruhiges Leben, ging zur Schule und hatte mit seinen Eltern regelmäßige Mahlzeiten. Doch sein Leben änderte sich dramatisch, als bewaffnete Gruppen ihn und seine Familie zwangen, ihr Zuhause zu verlassen. Junior erinnert sich noch genau an den Herbst 2024: „Einer meiner Klassenkameraden, ein Freund von mir, wurde direkt vor meinen Augen von einer Kugel getroffen. Sie brachten ihn ins Krankenhaus, aber er hat es nicht geschafft. Er starb.“

* Name zum Persönlichkeitsschutz geändert

Ein 16-jähriger Junge schaut in die Kamera
Junior ist eines von 550.000 Kindern, die in Haiti auf der Flucht sind Nadia Todres
Ein Junge steht mit einer Frau vor einem Haus
Junior (16) ist mit seiner Familie vor der eskalierenden Gewalt aus der Hauptstadt Port-au-Prince in eine Notunterkunft geflohen Nadia Todres

Wenn im Alltag nichts mehr ist, wie es einst war

Nach diesem Überfall wurde Juniors Schule geschlossen. Erst rückte die Polizei an, dann sogar das Militär. „Doch der Anführer der bewaffneten Gruppe sagte, dass die Armee nicht für immer bleiben würde. Am 15. Oktober verließ sie tatsächlich unser Viertel und am 16. Oktober griffen die kriminellen Gruppen wieder an“, erzählt Junior. „Viele Menschen starben. Kugeln trafen die Wände unseres Hauses, wir konnten fliehen und verbrachten einen Monat auf der Straße.“

„Kugeln trafen die Wände unseres Hauses, wir konnten fliehen und verbrachten einen Monat auf der Straße.“

Junior (16), Schuljunge aus der Hauptstadt Port-au-Prince

Rund 550.000 Mädchen und Jungen sind innerhalb Haitis auf der Flucht. Als Binnenvertriebene, sogenannte internally displaced persons (IDPs), stammt ein Großteil von ihnen aus Port-au-Prince. Die Metropole gilt als Epizentrum extremer Gewalt rivalisierender bewaffneter Gruppen, die große Teile der Stadt kontrollieren – mit verheerenden Auswirkungen: Allein 2024 wurden dort 5.600 Menschen getötet, ein Anstieg von 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Ein Kind schreibt in einem Schulheft
Weil in Haiti neben den Kindern auch die meisten Lehrkräfte auf der Flucht vor exzessiver Gewalt sind, steht das Bildungssystem vor dem Kollaps Nadia Todres
Zwei Jungs spielen zusammen Fußball
Notunterkunft am Stadtrand von Port-au-Prince: Junior (li.) spielt mit anderen Jungen Fußball Nadia Todres

Als einen der größten Verluste empfinde Junior, dass er nicht mehr zur Schule gehen kann. In der Notunterkunft habe er außer seinen Freunden und ihrem Fußballspiel zurzeit nichts, das ihm Ablenkung verschaffen könnte. Derzeit gibt es 117 Lager für Binnenvertriebene in Haiti, und 95 Prozent der Menschen dort sind vor bewaffneten Gruppen geflohen. Viele dieser Unterkünfte – darunter Schulen, Kirchen und verlassene Gebäude – verfügen weder über ausreichende sanitäre Einrichtungen noch über Sicherheitsmaßnahmen, wodurch insbesondere Frauen und Mädchen gefährdet sind.

Ein Mädchen zeigt ihren Schlafplatz
Nur durch Laken von anderen Personen getrennt schläft Caroline* (15) in einer Notunterkunft außerhalb von Port-au-Prince Nadia Todres
Ein verdreckter Hof vor einem Gebäude
Überfüllt: Eine ehemalige Schule dient derzeit als Notunterkunft für geflüchtete Familien Nadia Todres

„Ich mag nicht, wo ich lebe, ich fühle mich hier überhaupt nicht wohl“, beschreibt Caroline* (15), die lieber zur Schule gehen und Krankenschwester werden möchte, ihre derzeitige Situation. „Zu Hause hatte ich eine Dusche, aber jetzt wasche ich mich auf der Straße. Das Wasser muss ich mir selbst im Eimer holen. Ich habe keine Seife, also laufe ich immer in schmutzigen Sachen herum.“

In Haiti geraten ganze Familien zwischen die Fronten

Ähnlich ergeht es dem 14-jährigen Steeve*. Der Junge ist ebenfalls aus der Hauptstadt Port-au-Prince vor der Gewalt krimineller Gruppen geflohen und lebt in einem Lager für vertriebene Menschen. Wie Junior sucht Steeve Ablenkung beim Fußballspiel. Doch sobald ein Match vorbei ist, kreisen seine Gedanken wieder um die Herausforderungen seines Alltags.

* Name zum Persönlichkeitsschutz geändert

„Zu Hause hatte ich eine Dusche, aber jetzt wasche ich mich auf der Straße.“

Caroline* (15), Mädchen aus der Hauptstadt Port-au-Prince

„Ich bin stolz darauf, dass meine Eltern nicht in zwielichtige Dinge verwickelt sind“, sagt Steeve im Hinblick auf die organisierten kriminellen Gruppen, denen sich in den vergangenen Monaten aus Not immer mehr Menschen angeschlossen haben, auch Kinder.

Doch für den 14-Jährigen kommt das nicht infrage. Vielmehr träumt er davon, wieder ohne Probleme lernen zu können und berichtet: „Eigentlich sollte ich in der Schule schon viel weiter sein. Aber stattdessen wacht man morgens auf, und es gibt plötzlich irgendwo eine Demonstration. An einem Tag kann man zur Schule gehen, am nächsten Tag nicht.“

Ein Junge lehnt an seiner Mutter
Steeve* (14) ist stolz darauf, dass seine Mutter nicht zu den kriminellen Gruppen in Haiti gehört Nadia Todres

„Eigentlich sollte ich in der Schule viel weiter sein.“

Steeve (14), Junge aus der Hauptstadt Port-au-Prince
Ein Junge blickt in die Kamera
Steeve ist in eine Notunterkunft geflohen und träumt davon, wieder unbeschwert zur Schule gehen zu können Nadia Todres
Zwei Männer hocken sich zu geflüchteten Menschen
Prospery Raymond, Länderdirektor von Plan International Haiti (re.), und Programmleiter Emmanuel Michel David (2 v. r.) erkundigen sich bei geflüchteten Familien nach den Lebensumständen in der Notunterkunft Nadia Todres

Aufgrund der anhaltenden Angriffe und Gewalt mussten vielerorts auch die Lehrkräfte fliehen. Seit Januar 2024 wurden über 900 Schulen in Haiti geschlossen und das örtliche Bildungssystem steht vor dem Kollaps. Doch mit dem Verlust eines geregelten Unterrichts verlieren die Kinder mehr als ein Stück Normalität. Sie verlieren ihr Recht auf Bildung, Spiel und sichere Räume. Stattdessen bestimmen Angst und Unsicherheit ihren Alltag.

„Die Kinder Haitis stehen vor einer unvorstellbaren Krise“, sagt Prospery Raymond, Länderdirektor von Plan International Haiti. „Die meisten von ihnen haben keinen Zugang mehr zu Bildung, sicheren Orten und grundlegenden Schutzmaßnahmen. Ohne sofortige Hilfe droht eine ganze Generation, durch Gewalt verloren zu gehen.“

Ein Mädchen hängt Wäsche auf
Auf den Fluren einer Notunterkunft für geflüchtete Menschen hängt ein Mädchen Wäsche zum Trocknen auf Nadia Todres

Eskalierende Gewalt heizt den Kreislauf der Armut an

Die Lage hat sich 2024 aufgrund eskalierender Gewalt, massiver Vertreibung und schwerwiegender Ernährungsunsicherheit dramatisch verschlechtert. Mehr als eine Million Menschen wurden aus ihren Häusern vertrieben, etwa 75 Prozent von ihnen haben Schutz in Notunterkünften außerhalb der Hauptstadt gesucht. Doch in den Sammelunterkünften herrschen durch Überbelegung oft katastrophale Lebensumstände und Hygienebedingungen.

„Es gibt hier einen Waschbereich für alle, aber einige Männer waschen sich dort nackt.“

Isabelle* (15), Schülerin aus Port-au-Prince

Die beengten Verhältnisse gefährden nicht nur die körperliche Gesundheit, sondern erhöhen auch die Gefahren von Missbrauch, insbesondere bei Mädchen. „Es gibt hier einen Waschbereich für alle, aber einige Männer waschen sich dort komplett nackt und rufen ständig anzügliche Sache“, erzählt Isabelle* (15) über ihren Alltag in der Notunterkunft. „Die Toiletten sind oft verschmutzt, man kann dann nicht einmal hineingehen. Das bringt mich zum Weinen, weil ich zu Hause jederzeit auf die Toilette gehen und mich waschen konnte.“

* Name zum Persönlichkeitsschutz geändert

Zwei Frauen bereiten ein Essen zu
Isabelle (15, li.) und ihre Mutter bereiten in der Notunterkunft ein Nudelessen zu Nadia Todres
Inmitten von Zeltplanen sitzen zwei Mädchen
Isabelle (re.) vertreibt sich mit einer Freundin mit Spielen die Zeit in der Notunterkunft Nadia Todres

Geschlechtsspezifische Gewalt ist in Haiti allgegenwärtig, insbesondere junge Mädchen sind davon betroffen. Allein 2024 wurden mehr als 6.400 Fälle gemeldet, darunter weit verbreitete sexualisierte Gewalt. Sie wird zum Teil systematisch als Druck- und Zwangsmittel gegen die Bevölkerung eingesetzt. Dies verschärft die hohe Rate an frühen und ungewollten Schwangerschaften. Damit droht sich der Kreislauf aus Armut und Instabilität in dem Karibikstaat weiter zu verfestigen.

Neben der Flucht vor den marodierenden Gruppen musste Isabelle auch erleben, wie ihr Vater erkrankte – und schließlich starb. War die Familie vorübergehend bei Verwandten untergekommen, zwang sie die zunehmende Gewalt erneut zur Flucht. Im Lager für Vertriebene sorgt Isabelles Mutter nun allein für die Familie. Und trotz der traumatischen Erlebnisse hat die 15-jährige Isabelle die Hoffnung auf die Rückkehr zu einem würdevollen Leben nicht aufgegeben.

Ein Mann verteilt Hygienesets
Die Teams von Plan International Haiti verteilen Eimer mit Hygieneartikeln an geflüchtete Familien Nadia Todres
Ein Mädchen tanzt mit anderen Kindern
Plan International hat in haitianischen Lagern für geflüchtete Menschen sichere Räume eingerichtet, in denen Kinder geschützt lernen, spielen und ihre freie Zeit verbringen können Nadia Todres

Wie Kinder in Haiti von humanitärer Hilfe profitieren können

Plan International reagiert auf die Krise mit Maßnahmen zum Schutz von Kindern, zur Bildungssicherung und Prävention geschlechtsspezifischer Gewalt. Die Kinderrechtsorganisation hat Schutzräume für vertriebene Mädchen und Jungen eingerichtet, in denen ihnen psychosoziale Unterstützung sowie Bildungsprojekte angeboten werden.

Die 13-jährige Sandra* ist eines der geflohenen Kinder, das von den Maßnahmen profitiert. Sie hat unter anderem ein Paket mit Hygieneartikeln von Plan International erhalten und trifft sich mit ihren Freundinnen in einem der geschützten, kinderfreundlichen Räume. Dieser ist für sie zu einer wichtigen Anlaufstelle geworden, denn in ihrer Familie selbst ist sie ansonsten auf sich allein gestellt: „Mein Vater zeigt mir keine Zuneigung. Er bezahlt zwar meine Schulgebühr und gibt mir Essen, aber das ist alles. Doch die Liebe, die ich von meinen Eltern bräuchte, bekomme ich nicht. Wenn ich sehe, wie meine Freundin mit ihrer Mutter tanzt, denke ich mir, dass ich so etwas nicht habe. Plan International hat mir dagegen immer geholfen, wenn ich es brauchte. Die Aktivitäten, die sie für uns organisieren, helfen mir sehr. Sie wissen, wie man mit mir spricht, wenn ich Sorgen habe. Dafür bin ich dankbar.“

* Name zum Persönlichkeitsschutz geändert

Eine junge Frau in einem Flüchtlingscamp
Sandra* (13) ist dankbar für die Unterstützung von Plan International Nadia Todres

„Plan International hat mir immer geholfen, wenn ich es brauchte. Sie wissen, wie man mit mir spricht, wenn ich Sorgen habe.“

Sandra (13), Schülerin aus Port-au-Prince
Zwei Mädchen lächeln
Zwei Mädchen in einem der insgesamt 117 Lager für Binnenvertriebene in Haiti Nadia Todres

Um Familien zu helfen, führt Plan International zudem sogenannte Bargeldtransfers durch und übernimmt Schulgebühren, damit Kinder weiterhin lernen können. Angesichts der zunehmenden geschlechtsspezifischen Gewalt verstärkt die Organisation zudem Angebote für medizinische Versorgung und psychologische Hilfe. Zusätzlich unterstützt Plan International Maßnahmen für bessere sanitäre Bedingungen in den Notunterkünften, um dem Ausbruch von Krankheiten vorzubeugen.

„Die Welt darf Haiti nicht den Rücken kehren“, appelliert Prospery Raymond. „Wir müssen jetzt handeln, um Kinder vor Gewalt, Ausbeutung und einer verlorenen Zukunft zu schützen. Wir fordern die internationale Gemeinschaft auf, die dafür notwendigen Mittel bereitzustellen.“

Marc Tornow hat Haiti bereist und den Bericht über die aktuelle humanitäre Lage in dem Karibikstaat mit Material aus dem örtlichen Plan-Büro aufgeschrieben.

Nothilfe in der Hungerkrise

Die Welt erlebt zurzeit eine der verheerendsten Hungerkrisen. Es besteht ein dringender Bedarf an humanitärer Hilfe, um die Hungersnot abzuwenden. Wir von Plan International unterstützen mit unserer Hunger-Nothilfe Kinder und ihre Familien in acht unserer Programmländer, wo die Krise bereits ein dramatisches Ausmaß angenommen hat: In Haiti sowie Äthiopien, Burkina Faso, Kenia, Mali, Niger, Somalia und Südsudan. Wir stellen unter anderem dringend benötigte Lebensmittel zur Verfügung und ermöglichen medizinische Versorgung und Betreuung. Sie können uns dabei helfen – mit einer Spende!

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